Das Konzentrationslager Kochendorf
"Sie kamen aus ganz Europa"
Die Häftlinge im KZ Kochendorf kommen aus den besetzten Gebieten aus ganz Europa und wurden hauptsächlich aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen verschleppt. Insgesamt sind zwischen September 1944 und März 1945 rund 2000 Häftlinge aus etwa 21 Nationen im Lager vertreten. Die Herkunft und der Haftgrund der Häftlinge bestimmen im KZ die Rangfolge in der Gruppe und damit die Chance zu Überleben.
Die meisten Häftlinge im KZ Kochendorf kommen aus Polen, Russland, Ungarn oder Frankreich. Aber es gibt auch Holländer, Deutsche, Luxemburger und andere Nationalitäten. "Es gab kaum ein Land auf der Europakarte, aus dem keine Häftlinge kamen", sagt der Journalist und KZ-Forscher Klaus Riexinger. Einige wurden aus den besetzten Gebieten verschleppt, wie zum Beispiel die meisten Polen, die nach dem zweiten Warschauer Aufstand verhaftet wurden. Die russischen Häftlinge in Kochendorf sind größtenteils Kriegsgefangene und die Franzosen sind hauptsächlich Bergleute und aktive Widerstandskämpfer der Resistance. Einige Juden in Vernichtungslagern wurden nach ihrem Beruf in die Fachleutegruppe Metallarbeiter ausgelesen und nach Kochendorf deportiert, um dort, bevor sie endgültig ermordet werden sollen, Zwangsarbeit zu leisten. Die Häftlinge werden im Lager streng nach Nationalität getrennt und in verschiedenen Baracken untergebracht.Häftlingskategorien und Hierarchien
Nach der Ankunft bekommt jeder Neuankömmling eine Sträflingsuniform. Die besteht in Kochendorf aus drei Teilen: einer Jacke, einer Hose und einer Mütze, alles blau-weiß gestreift. Dazu bekommt jeder eine Matrikelnummer. Diese wird aber nicht, wie in anderen KZ auf den Unterarm tätowiert, sondern auf einem Stoffstreifen an der Uniform angebracht. In Kochendorf ist das eine Natzweiler Häftlingsnummer. Jeder Häftling wird im übergeordneten Stammlager registriert. Zusätzlich zur Nummer wird ein so genannter Winkel, ein dreieckiges Symbol, auf die Jacke genäht. Die verschiedenen Farben dieser Winkel definieren, zu welcher Kategorie der jeweilige Häftling gezählt wird. Gleichzeitig kennzeichnet er den Haftgrund und die Herkunft des Gefangenen. Die Kategorien werden unter anderem unterschieden zwischen politischer Häftling, Krimineller, Zeugen Jehovas, Homosexueller oder Asozialer. Zusätzlich symbolisiert ein Buchstabe auf dem Winkel, die Nationalität des Häftlings.
"Arier" bevorzugt
Durch diese Kennzeichen erkennen die SS-Soldaten sofort welcher Kategorie der Häftling zugeordnet ist und wie er behandelt werden muss. Denn diese Kategorien entscheiden auch über die Rangfolge der Häftlinge in der Gruppe. Je nach Rangfolge sinken oder steigen ihre Überlebenschancen im Lager. Besonders Juden, aber auch Russen und Polen, sind in dieser Hierarchie ganz unten angesiedelt und haben im Lager ein besonders schweres Schicksal. Sie bekommen im Lager die schlimmsten Arbeiten zugeteilt. Deutsche und Luxemburger hingegen, werden von der SS zu den "Ariern" gezählt und daher bevorzugt. Sie werden häufig auch als so genannte Funktionshäftlinge eingesetzt.Die Funktionshäftlinge
Diese Funktionshäftlinge gehören einer weiteren von der SS erschaffenen Kategorie an. Sie müssen im Sinne der SS "funktionieren" und bekommen als deren Bedienstete leitende Rollen und besondere Aufgaben zugeteilt. Unter den Funktionshäftlingen gibt es den Stubenältesten, der den Unterabteilungen der Baracke vorsteht, einen Blockältesten für die einzelnen Baracken, einen Lagerschreiber, der Sterbefälle an das Stammlager meldet und Übersichten über den Arbeitseinsatz der Häftlinge führt. An der Spitze steht der Lagerälteste, der als Verantwortlicher das Lager gegenüber der SS vertritt. Die so genannten Kapos leiten die jeweiligen Arbeitskommandos und müssen ihre Mithäftlinge bei der Arbeit beaufsichtigen. Sie haben auch die Aufgabe, die Häftlinge ständig anzutreiben schneller und noch mehr zu arbeiten. Funktionshäftlinge genießen im Lager viele Vorteile. Sie bekommen mehr Essen und müssen körperlich nicht schwer arbeiten.
Kapos
Besonders die Rolle der Kapos ist umstritten. Denn einige nutzen ihre Sonderstellung gerne aus und behandeln ihre Mithäftlinge äußerst brutal. Manche handeln sozusagen SS-loyal und haben sich auf die Seite der Stärkeren begeben. "Die SS hatte gezielt kriminelle Häftlinge als Kapos ausgesucht. Diese haben ihnen die Arbeit des Quälens abgenommen und die SS musste somit nicht selbst tätig werden", erklärt Klaus Riexinger. Auch überlebende Häftlinge schilderten oft, wie brutal sie von Kapos geschlagen wurden. Es gibt auch politische Häftlinge, die als Kapos fungieren. Einige sollen sich für die Häftlinge eingesetzt haben, so gut sie konnten. Der politische Häftling Willi Heimig soll als Kapo in Kochendorf einigen Häftlingen das Leben gerettet haben, indem er sie in leichtere Arbeitskommandos einteilte. "Doch das war eine Gratwanderung. Er durfte das nicht zu offensichtlich tun, sonst hätte ihn die SS schnell aus diesem Posten entfernt", erklärt Klaus Riexinger.Video: Interview mit Klaus Riexinger
Woher die Häftlinge kamen, wie sie lebten und wie sie von den SS-Soldaten behandelt wurden.Zur Person:
Klaus Riexinger leitet seit 2002 die Gesamtredaktion der Wochenzeitung "Der Sonntag" in Südbaden. Zusammen mit Detlef Ernst schrieb er das Buch "Vernichtung durch Arbeit - Rüstung im Bergwerk" über die Geschichte des Konzentrationslagers Kochendorf. Im Jahr 2002 wurden sie dafür im Rahmen des Landespreises für Heimatforschung geehrt.
weiter mit: Emile Delaire
Emile Delaire: Der "Nacht-und-Nebel-Häftling"
Durch den Nacht-und-Nebel-Erlass kann die Gestapo in den besetzten Gebieten Menschen auf bloßen Verdacht festnehmen. So ergeht es auch Emile Delaire und seinem Vater. Sie werden als vermeintliche französische Widerstandskämpfer verhaftet und zunächst in das KZ Sachsenhausen und dann nach Kochendorf deportiert. Nur Emile Delaire überlebt die menschenunwürdigen Zustände im Lager.
Im Norden Frankreichs wird ein Gutsverwalter beschuldigt, Widerstandskämpfer bei sich zu beherbergen. Gemeint sind Emile Delaire, sein Vater und vier andere Franzosen, die sich zufällig auf dem bäuerlichen Gutshof aufhalten. Doch allein dieser Verdacht genügt, dass die Militärstreife die Männer festnimmt und nach Deutschland verschleppt. Sie kommen in das KZ Sachsenhausen. Dort müssen sie ihre Wertsachen abgeben und bekommen die typische gestreifte Sträflingskluft. Als vermeintliche französische Widerstandskämpfer gelten sie als politische Häftlinge und müssen, neben der Matrikelnummer, auch einen roten Winkel und ein F für "Franzose" auf der Uniform tragen. Schon nach zwei Wochen werden Emile Delaire und sein Vater wieder verlegt. In Güterwaggons erreichen sie am 1. Oktober 1944 das neu errichtete KZ Kochendorf.Kälte, Hunger und Schikanen
Delaire wird mit anderen Häftlingen aus Frankreich in einer Baracke untergebracht. Die Männer schlafen auf dreistöckigen Pritschen und müssen sich immer zu zweit eine Strohmatratze und eine Wolldecke teilen. Die oberen Schlafplätze sind die beliebtesten, da es dort etwas wärmer ist. Doch neben dem Hunger, der harten Arbeit und der Kälte, plagen die Kochendorfer Häftlinge auch die ständigen Schikanen der Aufseher. Beim Schlafen müssen sie darauf achten, sich nicht zu oft zu bewegen. Denn die Strohmatten bröseln schnell und wenn die Baracke nicht sauber ist, bekommen sie Prügel. Hin und wieder werden die Häftlingskleider gereinigt. Dazu müssen sich die Männer auch bei Minusgraden auf dem Hof nackt ausziehen und warten, bis die Kleider wieder gebracht werden. Dabei unterkühlen sich einige so heftig, dass sie sterben.Delaires Arbeit im KZ
Anfangs müssen die Gefangenen manchmal für Bauern auf dem Feld oder auf deren Hof arbeiten. Diese Arbeit ist bei Häftlingen beliebt, weil sie nicht so anstrengend wie im Bergwerk ist. Die Bauern erlauben häufig auch, das Fallobst aufzuheben. Die Wachsoldaten befehlen den Häftlingen, das Obst mit ins Lager zu bringen, dort bekommen sie aber nichts davon ab. Auch Emile Delaire muss eine Zeit lang bei einem Bauern arbeiten. Doch er lässt sich das Obst nicht entgehen. Er nimmt ein Stück Draht, das er im Lager gefunden hat, und schnürt damit die Äpfel heimlich unter seiner Häftlingskleidung zusammen. So kann er sie unbemerkt ins Lager schmuggeln und sie seinem Vater schenken. Arthur Delaire ist bereits sehr geschwächt von den Strapazen im Lager. Dieses Arbeitskommando wird bald darauf abgeschafft. Drei russischen Häftlingen war es gelungen, bei der Feldarbeit zu fliehen. Jetzt muss Emile Delaire auch im Salzbergwerk arbeiten. Jeden Morgen nach dem Appell marschiert er mit den anderen zu seiner Arbeitsstelle und muss den Boden einer künftigen Produktionshalle im Bergwerk planieren und betonieren. Die Arbeit ist anstrengend und die Häftlinge haben nur knapp zehn Minuten Mittagspause, um sich zu erholen. Dabei bekommen sie eine kärgliche Wassersuppe, die keinen der hart schuftenden Männer satt macht. Emile Delaire wiegt nur noch 48 Kilo.Der Tod des Vaters
Arthur Delaire hält den katastrophalen Bedingungen im Lager nicht stand und stirbt ausgezehrt und erschöpft, während sein Sohn Emile im Bergwerk schuften muss. Seine Leiche wird vermutlich in einem zweiten Massengrab verscharrt, das bis heute noch nicht gefunden wurde. Als Emile Delaire am Abend von seiner Arbeitsschicht zurückkommt ist der Vater schon begraben. Für Emile ist das ein schwerer Verlust. Er verliert den geliebten Vater und seine einzige Bezugsperson im Lager. Kurz bevor das KZ geräumt wird, verletzt er sich am Fuß und kommt ins Krankenrevier. Dadurch wird er, als das Lager Ende März 1945 geräumt wird, mit den anderen Kranken im Zug nach Dachau transportiert. Erschöpft, abgemagert und krank kommt Emile Delaire in Dachau an. Nach der Befreiung durch die Amerikaner muss er sich wegen einer Rippenfellentzündung noch eine Weile in einem Sanatorium auskurieren und geht dann nach Frankreich zurück.Anmerkungen:
Dieser Text basiert auf "Vernichtung durch Arbeit - Rüstung im Bergwerk. Die Geschichte des Konzentrationslagers Kochendorf - Außenkommando des KZ Natzweiler-Struthof" von Klaus Riexinger und Detlef Ernst. (Silberburgverlag, 2003)
weiter mit: Jerzy Kubicki
Jerzy Kubicki: "Ein kleines aber gefährliches Lager"
Jerzy Kubicki kommt aus Polen und war vor seiner Deportation nach Kochendorf schon im KZ Mannheim-Sandhofen und in Dachau inhaftiert. Im Jahr 1950 schreibt er über seine Erinnerungen an die KZ-Haft eine Art "Tagebuch" und beschreibt darin detailliert und zusammenhängend, was er im Konzentrationslager Kochendorf erlebt hat. Jerzy Kubicki stirbt 1986 in Zielonka bei Warschau.
Jerzy Kubicki wird nach dem Warschauer Aufstand zunächst in das KZ Mannheim-Sandhofen deportiert und danach in das KZ Kochendorf überstellt. Als er mit den anderen Häftlingen am Kochendorfer Bahnhof ankommt, hat er eine zweitägige Zugfahrt hinter sich. Kaum steht der Zug im Bahnhof, hören die Häftlinge schon lautes Hundegebell und Befehle brüllende SS-Männer. Die Gefangenen müssen aussteigen und in Fünferreihen zum Lagergelände marschieren. Von weitem kann Kubicki schon die fensterlosen Baracken des Lagers erkennen. Nur unter dem Dach haben sie ein paar Lüftungsschlitze. Das ganze Gelände ist mit Stacheldraht umzäunt. Auf der anderen Seite der Baracken stehen gemauerte Häuser. Das sind die Unterkünfte der SS-Männer und der Lagerführung. Kubicki notiert seinen ersten Eindruck vom KZ später in seinem "Tagebuch": "Es ist ein kleines Lager, aber trotzdem gefährlich".Kubickis Ankunft im Lager
Am Lagereingang werden die Häftlinge der Lagerführung übergeben. Die Männer werden auf den Hof geführt, gezählt und durchsucht. Schon gleich zu Beginn werden die Neuankömmlinge von den SS-Männern angeschrieen und geschlagen. Sie müssen sich auf dem Hof nackt ausziehen. Ihre Häftlingskleider werden zum entlausen weggebracht. Jeder neue Häftling im KZ Kochendorf kommt zunächst in Quarantäne. In einer Baracke werden die nackten Männer mit kaltem Wasser abgespritzt und dann in eine andere Baracke überführt. Dort bleiben sie ein paar Tage und bekommen eine Wolldecke. Die Häftlinge müssen ohne Matratzen, nur auf bloßen Brettern schlafen. Während die Häftlinge nackt unter ihren Wolldecken liegen und warten bis ihre Kleider vom Entlausen zurückgebracht werden, unterkühlen sich einige so stark, dass sie kurze Zeit später sterben.Die Arbeit im Bergwerk
Jeden Morgen vor der Arbeit müssen die Häftlinge zum Appell antreten. Kubicki beschreibt, wie er im schlammigen Boden des Hofes beinahe seine Holzschuhe verliert. Er vermutet, das Lager sei absichtlich auf sumpfigem Boden zwischen zwei Hügeln gebaut worden, um den Gefangenen besonders schlechte Lebensbedingungen zu bieten. Beim Appell werden sie in zwei Gruppen zur Arbeit eingeteilt. Die eine Gruppe muss die Tagesschicht und die andere die Nachtschicht im Salzbergwerk übernehmen. Eine Schicht dauert in der Regel 12 Stunden. Beim täglichen Gang zur Arbeit in das etwa 4 Kilometer entfernte Salzbergwerk, betrachtet Kubicki immer die hügelige Landschaft und die hohen Kirschbäume, die den Straßenrand säumen. Im Bergwerk sind bereits zwei Hallen vollständig eingerichtet und mit den nötigen Maschinen für die Rüstungsproduktion ausgestattet. Kubicki muss weitere Hallen vorbereiten. Er muss den Boden ausbessern und betonieren, größere Felsen beseitigen, Schienen legen, Fundamente für die Maschinen bauen und die Wände streichen. Die Arbeit ist sehr schwer. Mit Hammer und Meißel muss er größere Felsen zerschlagen und sie zu kleineren Steinbrocken verarbeiten. Dann mischt er sie mit dem Beton und kann damit den vorbereiteten Boden betonieren.Jeder ist sich selbst der nächste
Kubicki beschreibt das Verhältnis der Häftlinge untereinander als unsolidarisch und nicht sehr kollegial. In seinen Memoiren beschreibt er seine Mithäftlinge als eine Meute von hungrigen Wölfen, die um zu überleben sogar den anderen das Essen stehlen würden. Die Häftlinge bekommen meist schon am Abend die Brotration für den kommenden Tag. Kubicki wickelt sein Brot in einen Lappen ein und klemmt es mit einer Sicherheitsnadel, die er im Lager gefunden hat, an sein Hemd. Trotzdem sei es nie sicher vor Stärkeren gewesen, schreibt er.Die Rettung naht
Immer häufiger wird Kochendorf und die nahe gelegene Stadt Heilbronn von Tieffliegern angegriffen. Kubicki schaut ihnen gerne zu und nennt sie "Die Botschafter der Freiheit". Weil sich die Luftangriffe immer weiter häufen und auch das Artilleriefeuer der Deutschen immer lauter zu hören ist, schließen die Häftlinge auf baldige Rettung durch die Amerikaner. Doch die Befreiung lässt auf sich warten. Bevor die Alliierten das Lager einnehmen können, werden die Häftlinge auf den Todesmarsch nach Dachau geschickt. Jerzy Kubicki überlebt und kehrt zurück nach Warschau, wo er einige Jahre als Chauffeur arbeitet. Jerzy Kubicki stirbt im Jahr 1986 in Zielonka in der Nähe von Warschau.Anmerkungen:
Der Text basiert auf den Tagebuch-Aufzeichnungen von Jerzy Kubicki. Abgedruckt in "KZ in Heilbronn - Das 'SS-Arbeitslager Steinbock' in Neckargartach' von Heinz Risel. (Selbstverlag, 1987)
weiter mit: Mieczyslaw Wisniewski
Mieczyslaw Wisniewski: KZ-Geschichte in Bildern
Der Pole Mieczyslaw Wisniewski wird nach dem Warschauer Aufstand verhaftet und nach Deutschland verschleppt. 1944 kommt er in das KZ Kochendorf und überlebt auch den anschließenden Todesmarsch. Nach dem Krieg arbeitete Wisniewski wieder in seinem Beruf als Kunstmaler und fertigte Bilderserien zu seiner Haftzeit und zum Todesmarsch an, die in der KZ-Ausstellung der Gedenkstätte Kochendorf zu sehen sind.
Der gelernte Kunstmaler und Graphiker Mieczyslaw Wisniewski ist erst 19 Jahre alt, als er zusammen mit seinem Bruder grundlos in Warschau festgenommen und nach Deutschland verschleppt wird. Die Brüder kommen zunächst in das KZ Dachau und werden von dort aus in das KZ Mannheim-Sandhofen deportiert, wo sie für Daimler-Benz Zwangsarbeit leisten müssen. Nach einem Bombenangriff wird sein Bruder verletzt und Mieczyslaw muss mitansehen, wie er von einem SS-Mann erschossen wird. Auch das Daimler-Benz Werk wird bei diesem Angriff zerstört und die Häftlinge können nicht mehr zur Arbeit. Da die Alliierten immer näher rücken, wird das Lager in Mannheim-Sandhofen geräumt und alle arbeitsfähigen Männer werden mit dem Zug nach Kochendorf abtransportiert.Verschiedene Arbeitskommandos im KZ
Dort muss Wisniewski kurz nach seiner Ankunft im Salzbergwerk arbeiten. Vor Schichtbeginn werden sie immer zu zehnt mit einem Fahrstuhl ins Bergwerk hinuntergefahren. Unten erwartet sie jeden Tag ein wütender SS-Mann, der die Männer sobald sie aus dem Aufzug steigen verprügelt, weil es ihm zu lang gedauert hat. Von den Knüppelschlägen verschont bleiben meistens nur die, die als erstes unten ankommen. Wisniewskis Arbeitsplatz ist an einer Maschine, die Maschinenpistolen herstellt. Eine Zeit lang muss er aber auch im Steinträgerkommando arbeiten. Dort ist die Arbeit besonders hart. Die Häftlinge sollen einen Schrägstollen ins Bergwerk graben, damit auch LKWs hineinfahren können. Sie arbeiten im Freien und müssen schwere Steine schleppen. Als Wisniewski dem Totenkommando zugeteilt wird, muss er tote Mithäftlinge, darunter drei Kameraden aus Warschau, im wenige Meter entfernten Massengrab beerdigen. Nach getaner Arbeit werden die Männer vom Totenkommando mit einer Suppe belohnt.Bilder "gegen das Vergessen"
Als Wisniewski nach dem Todesmarsch in Dachau von den Amerikanern befreit wird, wiegt er nur noch 37 Kilo und ist schwer an Typhus erkrankt. Doch der junge Mann erholt sich und kehrt in seine Heimat Polen zurück, wo er wieder als Künstler arbeitet. Das Malen hilft Wisniewski möglicherweise, die schlimmen Erlebnisse als KZ-Häftling besser zu verarbeiten. Für die KZ-Gedenkstätten Mannheim-Sandhofen und Kochendorf fertigte er ganze Bilderserien an, die in den Gedenkstätten selbst und auch im Mannheimer Reißmuseum zu sehen sind. Weitere Bilder zeichnete er 1995 für eine Ausstellung über den Todesmarsch. Dank seines fotografischen Gedächtnisses konnte er viele Einzelheiten detailgetreu auf dem Papier umsetzen und leistete damit einen wichtigen Beitrag "gegen das Vergessen".Anmerkungen:
Dieser Text basiert auf "Vernichtung durch Arbeit - Rüstung im Bergwerk. Die Geschichte des Konzentrationslagers Kochendorf - Außenkommando des KZ Natzweiler-Struthof" von Klaus Riexinger und Detlef Ernst. (Silberburgverlag, 2003)
weiter mit: Camille Werdun
Camille Werdun: Der Stiefelputzer des Kommandanten
Camille Werdun hat bereits einige Konzentrationslager erlebt, als er 1943 in das KZ Kochendorf deportiert wird. Weil Werdun Luxemburger ist, zählt er bei den Nazis als "Arier" und ist dadurch im Lager etwas besser gestellt. Während seine Kameraden im Bergwerk arbeiten müssen, wird Werdun zum persönlichen Diener des Lagerkommandanten. Das rettet ihm womöglich das Leben.
Camille Werdun wird 1942 von der Gestapo in Luxemburg verhaftet. Er ist im Widerstand gegen die Deutschen aktiv. Werdun kommt zunächst für sechs Wochen in Einzelhaft und wird dann in das KZ Hinzert bei Trier deportiert. Dort wird er geschlagen und gequält. Im Januar 1943 kommt er in das KZ Natzweiler-Struthof. Hier ergeht es ihm etwas besser, denn er wird als Funktionshäftling eingesetzt und muss als so genannter Kalfaktor Hilfsdienste für die SS in den Verwaltungsräumen und Unterkünften der Aufseher ausführen. Solch eine Position ist aber nur den Deutschen und Luxemburgern vorbehalten, weil sie laut der Rassenideologie der Nazis "arisch" sind. Im Sommer 1944 wird Werdun in das Außenkommando Thil verlegt. Dort ist die Front bereits so nah, dass die Häftlinge das Kanonenfeuer der Kampftruppen hören können. Das Lager wird wenig später geräumt und die Häftlinge werden in das neu errichtete KZ Kochendorf überstellt.Die Aufgaben eines Funktionshäftlings
In Kochendorf gehört Werdun zu den ersten Häftlingen, die im Lager eintreffen. Er erinnert sich an die spärlichen Mahlzeiten im KZ. Es gibt eine Suppe, in der sich manchmal "eine Spur von Fleisch" befindet, Brot, etwas Margarine und sehr selten ein wenig Wurst. Die Kochendorfer Häftlinge haben ständig großen Hunger. Hin und wieder kommt es vor, dass sie sich untereinander Brot stehlen. Solche Brotdiebe werden von den Mithäftlingen geächtet. Wieder muss Werdun als Funktionshäftling untergeordnete Hilfsdienste für die SS übernehmen. Er wird zum persönlichen Diener des Lagerkommandanten Büttner. Während die anderen Häftlinge zu ihren Arbeitskommandos ausziehen, muss Werdun die Stube von Büttner reinigen. Büttner hat ein Zimmer für sich alleine, das mit einem Eisenbett, einem Spind und einem Waschbecken ausgestattet ist. Dort muss Werdun den Holzboden fegen, das Bett machen und Büttners Stiefel putzen. Für diese Arbeit lässt sich der Häftling immer Zeit, denn der Lagerkommandant ist nie dabei, wenn Werdun bei ihm putzt. Nach der Arbeit muss Werdun zurück in seine Baracke. Dieser Tätigkeit verdankt er wahrscheinlich sein Leben.Die Befreiung naht
Auch in Kochendorf dringen die Alliierten immer weiter vor. In der Nacht des 4. Dezember 1944 erfolgt ein schwerer Luftangriff auf Heilbronn. Werdun und seine Kameraden hören die Bombeneinschläge in der nur wenige Kilometer entfernten Stadt. Die Wachposten geben Warnschüsse ab und befehlen den Häftlingen die Baracken zu verdunkeln. Nach dem Angriff muss ein Arbeitskommando nach Heilbronn, um Trümmer von den Straßen wegzuräumen. Bevor die Alliierten ganz zum Lager vordringen, wird das KZ geräumt und Camille Werdun muss mit den anderen nach Dachau marschieren. Wo sie dann Ende April 1945 von den Amerikanern erlöst werden.Anmerkungen:
Dieser Text basiert auf "Vernichtung durch Arbeit - Rüstung im Bergwerk. Die Geschichte des Konzentrationslagers Kochendorf - Außenkommando des KZ Natzweiler-Struthof" von Klaus Riexinger und Detlef Ernst. (Silberburgverlag, 2003)
weiter mit: Bildergalerie Häftlinge
Abschließen mit der Vergangenheit
Vor 50 Jahren kehrten erstmals ehemalige Häftlinge nach Kochendorf zurück. Sie kamen von da an jedes Jahr wieder und nannten diese Besuche "Pilgerfahrten". Mittlerweile sind diese Männer gestorben, doch vereinzelte Pilgerfahrten nach Kochendorf gibt es immer noch. Zum Jubiläum im Mai 2008 hat die Gemeinde erneut ehemalige Häftlinge eingeladen.
"Endlich die schrecklichen Erlebnisse vergessen können und einen Schlussstrich ziehen", das ist Bronislaw Prasol und Kazimierz Zbrzeski besonders wichtig, als sie im Mai der Einladung der Gemeinde folgen und zum ersten Mal als Besucher nach Kochendorf zurückkehren. Die beiden ehemaligen Häftlinge kamen den weiten Weg aus Polen, um den Ort aufzusuchen, an dem sie einst so viel Leid erlebten. Die Begegnung weckt lebhafte Erinnerungen. Der von der Gemeinde engagierte Dolmetscher hat Mühe all das Erzählte in der Geschwindigkeit zu übersetzen, in der es aus beiden heraussprudelt. Beide werden wie die meisten polnischen Häftlinge in Kochendorf nach dem Warschauer Aufstand festgenommen und kommen über die Konzentrationslager Dachau und Mannheim-Sandhofen nach Kochendorf. Prasol und Zbrzeski sind sich über ihren ersten Eindruck vom Lager einig: "Es war schlimmer als in Dachau. Die Häftlinge waren krank, abgemagert und hatten Läuse." Sprechen die Polen sonst auch kein deutsch, so haben sich ihnen einige deutsche Befehle der Kapos und SS-Soldaten ins Gedächtnis gebrannt. "Aufstehen, aufstehen! Schnell, schnell!", ruft Bronislaw Prasol und erhebt seine Hand, als würde er jemanden auspeitschen.
Demütigungen und Schläge
Prasol leidet in Kochendorf besonders unter den Schikanen eines bestimmten Kapos. "Ich würde diesen Menschen noch heute unter Tausenden wiedererkennen", sagt er. Der Kapo hat ihn bei der Arbeit oft geschlagen. Prasol arbeitete vermutlich an der Baustelle am Schrägstollen. Denn er erzählt, dass er Schienen für den An- und Abtransport der Rüstungsgüter im Bergwerk verlegen musste. "Da ich nicht sehr groß bin, sind mir die Schienen dauernd von der Schulter gerutscht und ich bekam zur Strafe immer Schläge." Prasol erzählt, der Kapo hätte ihn einmal so lange verprügelt, bis ihn ein SS-Mann zurechtgewiesen hätte. Fragt man ihn jedoch zu weiteren persönlichen Erlebnissen aus dem Lageralltag, ist die Grenze des Zumutbaren erreicht. Er wird plötzlich ganz still und schüttelt den Kopf. Die Ereignisse, die vor mehr als einem halben Jahrhundert vorgefallen sind, plagen den Mann bis heute.
Abschied von den toten Kameraden
Die ehemaligen Häftlinge wollen auch den KZ-Friedhof sehen. Dort sollen viele ihrer Kameraden begraben liegen. Am Massengrab angekommen, laufen sie aufgeregt umher, schauen sich alles an und lassen sich die Gedenktafeln übersetzen, denn auf Polnisch sind dort keine angebracht. Prasol wischt sich verstohlen eine Träne weg, doch seine geröteten Augen verraten, wie sehr es ihn bewegt wieder hier zu sein. Er sagt, es sei beruhigend nun zu wissen, wo die toten Kameraden liegen. Anschließend besuchen sie das ehemalige Lagergelände, wovon heute nur noch ein leeres Ackerfeld geblieben ist. Dort kommen in Kazimierz Zbrzeski wieder die alten Bilder hoch. "Wenn ich die Augen schließe, sehe ich alles wieder vor mir. Noch heute träume ich häufig vom Lager", sagt der mittlerweile 88-jährige. Bevor sie gehen, zündet Prasol noch eine Kerze an und stellt sie vor dem Gedenkstein auf. Sie halten kurz inne und sprechen ein Gebet. Dann verabschieden sie sich von ihren toten Freunden mit den Worten:" Jetzt sind wir bald wieder bei euch."
"Diesen Anblick werde ich nie vergessen"
Ferdinand Lock ist 15 Jahre alt, als er zum ersten Mal KZ-Häftlingen in Kochendorf begegnet. Als Jungzugführer der Hitlerjugend muss er nach einem Bombenangriff zum Jahreswechsel 1944/45 Trümmer eines Hauses wegräumen. Für diesen Arbeitseinsatz werden auch KZ-Häftlinge eingesetzt. Für Ferdinand Lock wird das zu einem einschneidenden Erlebnis. Er wird Zeuge eines brutalen Mordes an einem wehrlosen Häftling.
"Das Haus war schwer getroffen. Die Wohnung über der Werkstatt völlig zerstört. Unsere Aufgabe bestand darin, den Schutt von der Decke abzuräumen und auf die Straße hinunter zu werfen. Kaum waren wir da, trafen auch 4 KZ-Häftlinge mit einem Wachmann ein, die ebenfalls zum Einsatz kamen. Zum ersten Mal habe ich die ausgehungerten und abgemagerten Menschen gesehen. Unter den Trümmern fand man hin und wieder einen Apfel oder etwas Gebäck, was von den KZ-lern gierig aufgegriffen wurde. Die armseligen Gestalten hatten Hunger und froren in der einfachen Häftlingskleidung. Der SS-Wachmann verbot den Männern etwas zu nehmen und drohte mit seinem Gewehr. Als dann doch ein Gefangener nach einem Apfel griff, schlug ihm der Wachmann den Gewehrkolben ins Genick. Der KZ-ler stürzte die Mauer hinunter, Blut floss aus seinen Ohren und seiner Nase, ein kurzes Zucken und der Mann war tot."
Audio: Hier gibt es den Beitrag zum Hören
Die Täter von Kochendorf: Drei SS-Karrieren im Überblick
Die Wachmannschaft in Kochendorf besteht aus rund 80 Soldaten und Unterscharführern der 6. Waffen-SS-Wachkompanie. Während einige am Schicksal der Häftlinge wenig interessiert sind, blühen andere in ihrer Rolle als Machthaber regelrecht auf und quälen, schikanieren und schlagen die Häftlinge bei jeder Gelegenheit. Klaus Riexinger und Detlef Ernst gingen bei ihren Recherchen zum KZ auch den Tätern auf die Spur.
Richard Maurer: "Der SS-Mann mit dem schwarzen Hund"
Richard Maurer hat lediglich den Grundschulabschluss. Obwohl er schon 1937 NSDAP-Mitglied und bald darauf SS-Mann wird, beginnt seine aktive Karriere erst relativ spät. Richard Maurer ist bereits 43 Jahre alt und Familienvater mit zwei Kindern, als er 1944 zum Unterscharführer aufsteigt. Bei seiner Zusatzausbildung zum Hundeführer, hat er gelernt, wie er seinen Hund namens "Wolf" abrichten muss, damit er wehrlose Häftlinge anfällt. Diese Fähigkeit setzt er sowohl im KZ, als auch auf dem anschließenden Todesmarsch nach Dachau häufig ein und fügt den Häftlingen damit blutige Fleischwunden zu. Ein Häftling aus Ungarn sagte über Maurer: "Der SS-Mann mit dem schwarzen Hund war sehr aktiv - er schlug und hetzte den Hund auf die halb toten Menschen." Doch er überlässt das Quälen und Foltern nicht nur seinem Hund. Maurer schlägt oft genug auch selbst so brutal auf Häftlinge ein, dass diese anschließend sterben. In Maurers Arbeitskommando eingeteilt zu werden, galt als absoluter Horror, erzählen überlebende Häftlinge. Nach dem Krieg wird Maurer für seine Taten bestraft. Er wird beim Natzweiler Prozess in Raststatt zum Tode verurteilt und 1948 erschossen.
Joseph Kaiser: "Der Schrecken des Lagers"
Der Obergefreite Joseph Kaiser wird von überlebenden Häftlingen einstimmig als "Der Schrecken des Lagers" bezeichnet. Den 22-jährigen Winzergehilfen drängt es schon früh zur NSDAP. Da er anfangs zu jung für einen Parteibeitritt ist, wird er zunächst Wehrmachtssoldat und kämpft im Afrikakorps. Danach wird er SS-Rottenführer und als Wachsoldat im KZ Kochendorf eingesetzt. Dort muss Kaiser die Häftlinge bei der Arbeit auf den Baustellen bewachen und kennt dabei keine Gnade mit den wehrlosen Männern. Er verprügelt sie häufig mit seinem Gewehrkolben oder schlägt mit seinem Prügel, der eine Eisenspitze hat, gezielt auf die Köpfe der Häftlinge ein und verletzt sie damit schwer. Beim Todesmarsch soll er zwei kranke Häftlinge, die im Güterwaggon transportiert wurden, totgeschlagen haben, weil sie sich unerlaubt bewegt haben. Er hatte sie zuvor gezwungen still zu sitzen und sich nicht zu rühren. 1945 wird Joseph Kaiser von US-Behörden verhaftet. Genau wie Richard Maurer wird er in Raststatt beim Natzweiler Prozess zur Todesstrafe verurteilt und wird ebenfalls erschossen. Joseph Kaiser hat in Kochendorf eine Tochter hinterlassen. Er traf sich gerne mit anderen Wachsoldaten in einem örtlichen Wirtshaus und schien dabei, wie viele andere SS-Soldaten aus dem KZ, auch der weiblichen Bevölkerung nicht abgeneigt gewesen zu sein.
Eugen Büttner: "Sadistischer Pflichterfüller"
Eugen Büttner hat als Lagerkommandant die Befehlsgewalt im KZ Kochendorf. Er ist schon bevor Hitler 1933 an der Macht ist, überzeugter Nationalsozialist und SS-Mitglied. Beruflich gesehen war er weniger eifrig, denn Büttner hat es nur zum Hilfsarbeiter gebracht. Karriere macht er erst ab 1940 bei der SS. Mit 32 Jahren lässt sich Büttner im KZ Dachau und im Stammlager Natzweiler-Struthof als Wachsoldat ausbilden und wird 1944 zum Oberscharführer befördert. Wenig später wird er das erste Mal Lagerkommandant im Natzweiler Außenlager Thil. Doch das wird kurz darauf geräumt und Büttner übernimmt die gleiche Funktion im KZ Kochendorf. Büttner genießt seine Machtposition im Lager sehr. Er ist überzeugter Nazi und fühlt sich als Arier verpflichtet, die in seinen Augen "minderwertigen" Häftlinge zu misshandeln und zu malträtieren. Gleich zu Beginn stellt er klar: "Jetzt habt ihr die heilige deutsche Erde betreten und ein jeder, der etwas aufhebt, wird erschossen." Damit habe Büttner Äpfel oder anderes Fallobst gemeint, das man auf dem Weg zum Bergwerk finden konnte, erzählten Häftlinge. Auch den anderen Soldaten im KZ befiehlt er, sofort zu schießen, wenn die Gefangenen etwas zu essen aufheben sollten. Büttner ist es auch, der bei den Erhängungen im Lager den Stuhl wegstößt, auf dem die Häftlinge mit der Schlinge um den Hals stehen. Danach befiehlt er die Toten mindestens einen Tag am Galgen im Lagerhof hängen zu lassen, um die anderen Häftlinge abzuschrecken. Trotzdem wird Büttner nach dem Krieg nie für seine Taten zur Rechenschaft gezogen. Wie vielen anderen Nazi-Tätern gelingt es ihm einem Todesurteil zu entkommen. Büttner lebt nach dem Krieg in Freiburg im Breisgau und stirbt 1975.Video: Interview mit Klaus Riexinger
Wie Eugen Büttner seine Macht über Leben und Tod im Lager ausnutzte und warum er nie verurteilt wurde.Zum Inhalt
Klaus Riexinger und Detlef Ernst haben sich auch mit den Tätern im KZ Kochendorf befasst. Anhand der französischen Strafakten aus dem Natzweiler Prozess in Raststatt von 1947 sowie einigen Zeugenaussagen von überlebenden Häftlingen und Wachsoldaten, konnten sie einiges recherchieren und damit mehr über die grausamen Vorgänge im KZ und über die "Menschen", die hinter diesen Verbrechen standen, erfahren.
weiter mit: Interview mit Detlef Ernst
Interview: "Anfangs wurden die übelsten Täter gedeckt"
Das KZ Kochendorf war lange Jahre ein Tabuthema in der Gemeinde Bad Friedrichshall. Rechtsanwalt Detlef Ernst setzte dem Schweigen ein Ende und begann Mitte der 80er Jahre damit, die Geschichte des Lagers zu erforschen. Im Interview schildert er die anfänglichen Reaktionen im Ort und das "Verdrängen" in der Nachkriegszeit. Außerdem äußert er sich zu Versäumnissen der deutschen Justiz und erklärt, warum so viele Täter nie für ihre Verbrechen büßen mussten.
Wie offen war die Stadt Bad Friedrichshall 1986 für ihre Vergangenheit?
Detlef Ernst: In den 80er Jahren sind manche hier mit jungen Forschern barsch umgegangen. Sie empfanden meine Nachforschungen über das ehemalige KZ als eine Art "Netzbeschmutzung" und wollten sich nicht damit befassen. 1944/45 waren die Häftlinge in der Bevölkerung durchaus präsent gewesen, weil sie täglich durch den Ort getrieben wurden. Diese "Normalität" glich den direkt vernetzten KZ Vaihingen/Enz und Schwäbisch Hall-Hessental, aber auch Bad Rappenau, Neckarelz und Neckargartach. Später haben viele diese Erinnerungen einfach verdrängt. Mich verblüffte, dass ein Großteil der zweieinhalbtausend Kochendorfer nichts von den 5000 bis 6000 Häftlingen und Zwangsarbeitern gewusst haben soll. Schon allein dieses Zahlenverhältnis ist mit dem Wort "Verdrängung" nicht mehr zu fassen.Hat sich diese Verdrängung denn konkret bemerkbar gemacht?
Nach dem Krieg wurde auch der senkrechte Schacht, den die Häftlinge auf dem Lindenberg bei der heutigen Turnhalle als weiteren Zugang zum Bergwerk graben mussten, zunächst mit Brettern abgedeckt. Als diese morsch wurden, hat man eine Betonplatte darüber gemacht und einen Spielplatz darauf gesetzt. Dabei hat keiner gemerkt, wie symbolisch es war, die NS-Geschichte mit einem Spielplatz zu bedecken. Später wurde mir nicht gestattet, das Thema in die regionalen Medien zu bringen. Ich wollte damals im Radio ankündigen, dass ein paar ehemalige Häftlinge aus Frankreich mit der Bevölkerung diskutieren. Der Kompromiss war, dass ich die ehemaligen Häftlinge mit Schulklassen der Otto-Klenert-Realschule zusammenbringen durfte, ohne das Thema an die große Glocke zu hängen.Werden die Geschehnisse in Kochendorf bis heute verdrängt?
In Bad Friedrichshall sind vor 1945 einige Schweinereien passiert, die teilweise in eine Decke des Schweigens gehüllt werden. Das ist eine historische Tatsache. Leider deckt jedes Fehlen des Muts zu einer Auseinandersetzung mit dem Thema letztlich die Täter und Mitläufer. Trotzdem sehe ich eine Entwicklung in vier verschiedenen Phasen: Das allgemeine "Nie wieder" aus dem Jahr 1946 hatte sich Mitte der 50er Jahre auch in Bad Friedrichshall in Verdrängung umgedreht. Die Ermittlungen der Amerikaner in den 40er Jahren wurden aus der Stadtverwaltung so gut es ging sabotiert. Dabei war keine Entschuldigung zu peinlich, um die Dokumente nicht herauszugeben und die Strafermittlungen zu behindern. Ein Interesse für die Aufklärung der Taten drängte in den frühen 60er Jahren von ehemaligen Häftlingen, von der evangelischen Stelle für Rasseverfolgte und von Einzelpersonen. Die künstliche Grabesstille nahm in den 80er Jahren ab. In einer dritten Phase wurde die erste Broschüre über das KZ Kochendorf, die wir 1993 veröffentlichten, anfangs nicht gerne gesehen. Wir haben sie dann trotz des Widerstands in der Stadt durch regionale Zeitungen öffentlich bekannt gemacht. Später hat sich der damalige Bürgermeister für die Sache stark gemacht und uns mutig geholfen, die Miklos-Klein-Stiftung zu gründen. Dennoch blieb das Thema KZ in den 90er Jahren noch sensibel. Während manche empfindlich auf Anfragen reagierten, gab es zunehmend Menschen, die uns gerne etwas darüber erzählten. Genauso wie es damals Leute gab, die nicht alles von den Nazis unterstützt haben, gab es auch Leute die vorbeilaufende Häftlinge angespuckt hatten. Beide Verhaltensweisen findet man auch heute in der vierten Phase noch. Im Endeffekt kommt es darauf an, dass man aus der NS-Geschichte in Bad Friedrichshall lernt und in begrenztem Maß ein Recht auf Irrtum anerkennt anstatt nur stumpf zu verdrängen.Galt dieses "Verdrängen wollen", auch bundesweit für den Umgang mit der Geschichte des Dritten Reichs?
Man muss das "Verdrängen" vor Ort im Gesamtzusammenhang der Nachkriegsereignisse sehen. Von 1947 bis 1954 gab es die "französischen" Gerichtsprozesse zu den Außenlagern des KZ Natzweiler/Elsaß in Baden-Württemberg. Kochendorf lag in der US-Besatzungszone. Da aber viele Franzosen im KZ Kochendorf inhaftiert waren, wollte die französische Besatzungsregierung auch den dortigen Tätern einen Strafprozess machen. In Deutschland und auch in Bad Friedrichshall hatte man von diesen Prozessen kaum etwas mitbekommen. Damals sind die Strafverteidiger der Nazi-Täter im Ort herumgelaufen und haben Persilscheine eingesammelt, um ihre Mandanten zu verteidigen. Das waren Blankett-Entschuldigungen für die übelsten Taten, in denen standardmäßige Floskeln gebraucht wurden, um Mord zu verniedlichen. Die wurden in Bad Friedrichshall auch von einigen bekannten Gewerbetreibenden unterschrieben. Das konnte man am Briefkopf der Schreiben erkennen. Einige Persilscheine von Landwirten waren zu gespreizt formuliert, um von ihnen selbst verfasst worden zu sein. Die hatten damals vermutlich nur willig unterschrieben, was man ihnen vorlegte. Mit diesen Scheinen haben die Deutschen die Täter anfangs gedeckt. Auch die Feindschaft gegenüber den Franzosen war 1947 noch nicht erledigt. Trotz aller Hürden sind einige der Angeklagten des KZ Kochendorf verurteilt worden, während andere aber auch milde verurteilt oder freigesprochen wurden.Wie viele Angeklagte aus dem KZ Kochendorf gab es bei den Prozessen?
Es gab 13 Angeklagte bezüglich des KZ Kochendorf. Bezieht man das auf die 70 Wachleute des Lagers, sieht man, dass die Franzosen selbst nur einen Teil wussten. Die Verdächtigen, die sie überhaupt fassen konnten, waren nur ein zufälliges Sammelsurium. Den Franzosen waren nicht alle Täter bekannt und viele waren unter falschem Namen mitunter bis nach Argentinien abgetaucht. Ein ehemaliger Häftling hat den Ermittlern in Briefen geschildert, was er wusste und ging auf die Teilnahme der Kochendorfer Bevölkerung ein. Demnach waren zum Beispiel ein Arzt, ein Bahnhofsvorsteher, Bauern und ein Polizist involviert. Als drei Russen aus dem Lager flüchteten, wurde einer von ihnen von der Kochendorfer Polizei zurückgebracht und daraufhin im Lager gehängt. Es gab SS-Wachen mit 22 Jahren, die ihre damaligen Vorgesetzten gedeckt haben, aber selbst in Folge ihrer Jugend ein sehr mäßiges Urteil bekommen haben. Auch ein 23-jähriger SS-Soldat, der Häftlinge, die nicht schnell genug gelaufen sind, gepeitscht hatte, wurde zu einem Jahr Gefängnisstrafe verurteilt, aber bereits nach einem Monat wieder entlassen. Die Gerichtsverhandlungen sind rechtstaatlich gesehen sehr fair abgelaufen und waren juristisch auf hohem Niveau. Einige Angeklagte wurden frei gesprochen. Besonders junge Täter bekamen sehr milde Strafen. Bei den SS-Wachsoldaten Richard Maurer und Joseph Kaiser war die Beweislage allerdings so erdrückend, dass sie zum Tode verurteilt wurden. Obwohl der SS-Soldat Joseph Kaiser eigentlich auch zu den jüngeren Angeklagten des KZ Kochendorf gehörte.Glauben Sie die SS-Soldaten im KZ waren alle Sadisten?
Es gab die Behauptung, dass die jungen Soldaten grausamer waren und die alten, die den ersten Weltkrieg miterlebt hatten, die ehrlichen Soldaten gewesen wären. Anhand der Täterbiografien stellte ich fest, dass das nicht stimmt. Ich konnte generationsunabhängig bei allen 13 Angeklagten des KZ Kochendorf einen roten Faden entdecken. Und zwar sind diese Leute für ihre Karriere ganz altersunabhängig über Leichen gegangen. Ein ehemaliger Soldat erzählte, dass sie den Befehl erhielten, die kaum mehr arbeitsfähigen Häftlinge zu drängen, schneller zu arbeiten. Die Organisation Todt ordnete an, wenn schreien und schlagen nichts mehr nütze, müsse man andere Mittel finden. Somit wurden die Kapos aufgefordert, durch Prügel mehr Arbeit aus den Leuten herauszuholen. Die Antwort ist oft vorauseilender und blinder Gehorsam, womit ich diese Leute keineswegs in Schutz nehme. Ich finde, man muss den Menschen mehr Zivilcourage anerziehen. Ich denke, man muss mehr lernen die Menschenwürde zu achten und jeden Mitmenschen als gleichwertig zu erkennen, sonst wird die "Karriere" immer wieder schief gehen. Auch heute passieren noch viele Rücksichtslosigkeiten.Wie war das im Fall des ehemaligen Lagerkommandanten Büttner?
US-Ermittler in Heilbronn und Dachau haben von Ende Oktober 1946 bis April 1947 nach Büttner in Freiburg im Breisgau und in Haslach gesucht. Diese Ermittler wurden vor Ort aber nicht unterstützt. Im Zuge des kalten Krieges wurden die Ermittlungen dann einfach abgebrochen, was man in Archivdokumenten deutlich sieht. Anfang April 1947 haben die Franzosen dann weiter nach Büttner gesucht und gingen dazu nach Kahla in Thüringen in der sowjetischen Besatzungszone. Einen Monat später wurde er dort aufgespürt. Die Franzosen wollten bei der sowjetischen Militäradministration dessen Auslieferung beantragen. Büttner scheint das mitbekommen zu haben. Er hat sich in die US-Besatzungszone abgesetzt und wurde nicht gefasst. Wegen anderer Taten in Natzweiler erging 1954 ein Todesurteil gegen Büttner während seiner Abwesenheit. Das ist bei Militärgerichten der USA und Italiens im Strafprozess bis heute geläufig. Allerdings haben deutsche Juristen in den 60er Jahren alle Urteile, die in Abwesenheit gegen Angeklagte gefällt wurden, als unrechtmäßig erklärt und die Urteile gegen die eigenen Nazi-Täter nicht vollstreckt. 1962 kam es dann wegen Straftaten in Bad Friedrichshall zur Strafanzeige gegen Büttner und 1970 wurden die Ermittlungen ohne ein öffentliches deutsches Gerichtsverfahren eingestellt.Warum wurde das von der juristischen Seite unterstützt?
Leider wurden viele NS-Juristen nach 1945 nicht ausgetauscht. So saßen noch alte Nazis im Bundesgerichtshof. Das war auch in der gesamten deutschen Verwaltung der Fall. Ein Ausführungsgesetz aus dem Jahr 1951 zu Artikel 131 Grundgesetz sicherte Beamten mit NS-Parteibuch die Rückkehr in ihr Berufsbeamtentum. Das hatte zur Folge, dass in einigen Polizeidienststellen 1955 mehr Nazis zu finden waren, als in der Zeit bis 1945. Auch der Staatssekretär von Bundeskanzler Konrad Adenauer, Hans Globke, war im "dritten Reich" der berüchtigte Kommentator der Nürnberger "Rassegesetze". Das signalisierte den Nazis, dass sie nichts zu befürchten hatten. Es gab aber einige streitbare Juristen, die nur unbelastete Richter und Staatsanwälte mit Fällen betraut haben. Die Auschwitzprozesse hatte zum Beispiel Fritz Bauer, ein Oberstaatsanwalt in Frankfurt am Main in Gang gebracht. Dadurch wurde die deutsche Öffentlichkeit mit den Taten in Auschwitz konfrontiert. Ohne ihn gäbe es heute nicht die entsprechenden Geschichtsbücher. Es gab auch bei den Juristen beide Seiten.Wie stark wurden die Ermittlungen durch den Kalten Krieg beeinflusst? Haben die Nazis vom Ost-West-Konflikt profitiert?
Die Heilbronner US-Ermittler hatten bis 1947 beim KZ Kochendorf sehr gute Arbeit gemacht und ihre Ermittlungsergebnisse auch an die sowjetischen Behörden weitergereicht. Durch den kalten Krieg hatten die Sowjets aber kaum mehr eine Chance, etwas herauszubekommen. Es war alles sehr kompliziert geworden. Dass die Franzosen zu dieser Zeit noch in Thüringen recherchiert haben, war schon ein Akt des Mutes. Nazis, die sich wie Büttner in Deutschland versteckt hielten, hatten leichtes Spiel durch die Maschen zu kommen. Der kalte Krieg hat den Nazis Türen geöffnet, die sie nicht verdient hatten. Bei der Aufklärung in der Nachkriegszeit haben drei Ebenen eine Rolle gespielt: Der kalte Krieg, einige Juristen, die im Grund Nazis blieben und die Mitläufer vor Ort, die verhindert haben, dass die wirklichen deutschen Täter zur Verantwortung gezogen wurden.Zur Person:
Detlef Ernst arbeitet als selbständiger Rechtsanwalt in Tübingen. Zusammen mit Klaus Riexinger schrieb er das Buch "Vernichtung durch Arbeit - Rüstung im Bergwerk" über die Geschichte des Konzentrationslagers Kochendorf. Im Jahr 2002 wurden sie dafür im Rahmen des Landespreises für Heimatforschung geehrt.